Wilhelm Grimm war mehr als ein „Bruder Grimm“
Sie zählen zu den berühmtesten Deutschen, jedes Kind kennt sie. Für die meisten gehören die „Brüder Grimm“ untrennbar zusammen.
19. Februar 2011 „Es war einmal ein Brüderpaar. Es verstand sich ganz prächtig und wunderbar, dabei waren die Brüder doch ganz verschieden.“ So oder so ähnlich hätten die Brüder Grimm vielleicht ihre Autobiographie begonnen. „Es gibt viele Unterschiede. Wilhelm war der geselligere Typ“, erzählt Bernhard Lauer, Leiter des Grimm-Museums in Kassel. Am Donnerstag vor 225 Jahren wurde Wilhelm Carl Grimm, der jüngere der Märchensammler-Brüder, in Hanau geboren.
„Wilhelm hat das Familienleben geprägt, Jacob dagegen hat sich vor allem der Wissenschaft verschrieben“, sagt Lauer. Wilhelm heiratete 1825 die Apothekerstochter Dorothea Wild – Jacob blieb zeit seines Lebens unverheiratet. Er lebte bei der Familie seines ein Jahr jüngeren Bruders und hatte auch ein gutes Verhältnis zu den drei Kindern Wilhelms und Dorotheas. „Jacob war für die Kinder eine Art zweiter Vater“, erzählt Lauer. Jacob und Wilhelm waren eine brüderliche Arbeits- und Lebensgemeinschaft: „Von wenigen Perioden abgesehen waren sie immer zusammen.“
Jacob beschäftigte sich zunehmend mit der Sprache
In ihrer gemeinsamen Zeit in Kassel hatten sich die Brüder von vielen Menschen die bis dahin überwiegend mündlich überlieferten Geschichten erzählen lassen. An ihren Werken wie der ersten Märchensammlung waren sie zunächst noch zu gleichen Teilen beteiligt, später verlegte Jacob seinen Schwerpunkt auf die Sprach-, Politik- und Religionswissenschaften. Die 2. Auflage der Märchen wird vor allem Wilhelm zugeschrieben. „Das war seine bedeutendste Leistung“, sagt Lauer. Er habe an den Märchentexten gearbeitet und sie verfeinert. „Und er hat ihnen den romantischen Zwischenton gegeben, der sie so erfolgreich gemacht hat.“ Die „Kinder- und Hausmärchen“ gelten als meistgelesenes Buch in deutscher Sprache, die Erstausgabe zählt zum Unesco-Weltdokumentenerbe.
Jacob, der Wissenschaftler, dagegen beschäftigte sich zunehmend mit der Sprache. Er lernte Sprachen, reiste viel, zum Teil für mehrere Monate. Der Familienmensch Wilhelm habe außer einigen Erholungsreisen lediglich die Orte seiner Kindheit und seiner Familie besucht, berichtet Museumsleiter Lauer. Sein Museum ist derzeit geschlossen und wird wohl noch bis zum Herbst saniert.
Hab und Gut dem jeweils anderen vermacht
Auch bei der Arbeit gingen beide immer mehr ihren eigenen Weg. Auf dem von ihnen erstellten Deutschen Wörterbuch heißt es schon nicht mehr „Brüder Grimm“, sondern „von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm“. „Wilhelm hat nur den Buchstaben D beigetragen. Von Jacob kam A bis C und E bis Frucht, dann starb er“, erzählt Lauer. An alten handschriftlichen Texten kann man erkennen: Jacob überlegte genau, bevor er losschrieb, es gab kaum Korrekturen. In Wilhelms Aufzeichnungen dagegen sind mit einer viel kleineren Schrift viele Verbesserungen und Umformulierungen zu finden.
Wilhelm Grimm starb am 16. Dezember 1859 in Berlin. Sein Bruder Jacob sagte in einer Rede über seinen Bruder, zunächst seien es Bett und Tisch gewesen, die sie geteilt hätten. Später habe es zwei Betten und zwei Tische „in derselben Stube“ gegeben und schließlich zwei Zimmer nebeneinander, aber „immer unter einem Dache“. In ihren Testamenten hatten sie alles Hab und Gut dem jeweils anderen vermacht.
Text: F.A.Z.