GEO 04 | April 2009: Der Koran - Viele Sprachen, ein Buch
Wurde der Koran auf Arabisch offenbart? Laut neuester Forschung lässt er sich
auch ganz anders verstehen.
Der Koran prägt alle Aspekte der islamischen Kultur. Seine Verse sind Dichtung,
Gesetz und Gesang. Sie dringen aus Moscheen und Kaffeehäusern, schmücken Bücher,
Wände und, in kunstvollen Bildern versteckt, die Haut maghrebinischer Bräute -
sie sind das Wort Gottes. Offenbart, wie es heißt, in "deutlicher Sprache". Doch
war der Koran ursprünglich in Arabisch verfasst?
Die größte Sammlung früher Koranfragmente wurde 1972 im jemenitischen Sana'a
zwischen Dach und Decke einer Moschee entdeckt, die zu Lebzeiten des Propheten
errichtet worden war. Dieser Fund erschütterte die Koranwissenschaft. Was eilig
angereiste Forscher fanden, waren nicht goldverzierte Handschriften, sondern
nackte Striche auf Pergament oder Papyrus, ohne Punkte, ohne Vokalzeichen. Sie
stammen aus einer Zeit, in der Schrift nur Gedächtnisstütze war für Menschen,
die eher zuhörten als lasen, eher sprachen als schrieben. 18 Konsonanten,
entlehnt einer aramäischen Schriftart, dienten den Gläubigen als
Rezitationshilfe. Konsonanten, die keine eindeutige Lesart vorgaben: Im Dialekt
von Mohammeds Stamm hatten einige Koranverse einen anderen Sinn als etwa im
Syrisch-Aramäischen, damals die Verkehrssprache im Nahen Osten.
Wahrscheinlich war es der Kalif Uthman (644 - 656), der wenige Jahre nach
Mohammeds Tod eine auf dem Arabischen basierende, bis heute gültige Lesart
verbindlich festlegte. Vers für Vers hatte er sich von Weggefährten des
Propheten Glaubwürdigkeit und Inhalt bezeugen lassen. Mit den Handschriften aus
Sana'a wird die Zeit vor der Vereinheitlichung wieder sichtbar: Die Anordnung
der Kapitel, die Orthographie weisen deutliche Unterschiede auf zu Uthmans
Koran. Damit stehen auch Deutungen in Frage.
So werden in der 55. Sure die "Hur" beschrieben, nach arabischer Lesart
"Jungfrauen keuschen Blickes"; sie sind die Belohnung im Paradies für besonders
fromme Gläubige. Syrisch-aramäische Texte aber legen eine andere Deutung nahe:
"Hur" könnte auch schlicht "Weintrauben" meinen - für manchen sicher eine
Enttäuschung.
In Potsdam forschen Sprachhistoriker am "Corpus Coranicum", dem derzeit wohl
spannendsten Projekt der Orientalistik. Sie suchen nach einer möglichst
authentischen Textgestalt des Koran; sie sammeln unterschiedliche Lesarten,
dokumentieren Paralleltexte und verfertigen einen Kommentar. Frühere Gelehrte
hatten bis zu einem Dutzend Deutungsmöglichkeiten einzelner Textstellen
erschlossen. Die Potsdamer Forscher dürften dem einige weitere hinzufügen.
Michael Lehmann