GEO 07 | Juli 2008: Bayern in Neuseeland
GEOSKOP | Linguistik
Am anderen Ende der Welt hat sich ein alter bayerischer
Dialekt erhalten.
Rund 18000 Kilometer liegen zwischen dem Bayerischen
Wald und der Siedlung Puhoi auf der Nordinsel Neusee-
lands. Und doch konnte sich der Regensburger Germanist
Alfred Wildfeuer mit einigen Einheimischen dort ohne Pro-
bleme in seinem bayerischen Heimatdialekt unterhalten.
Der Grund: Die Neuseeländer in Puhoi sind Nachfahren
von Auswanderern aus dem bayerisch-böhmischen Grenz-
gebiet des 19. Jahrhunderts und sprechen noch das sogenannte
Nordbairisch ihrer Großeltern und Urgroßeltern.
Die über hundert Männer und Frauen aus der Gegend um
die nordböhmische Kleinstadt Staab (Stod), die sich 1863 auf
den Weg in die neue Heimat gemacht haben, waren mehr
als drei Monate unterwegs.
Vor allem die Verheißung von jeweils 16 Hektar eigenem
Land zog die Kleinbauern und Handwerker in die Ferne. Bei
der Ankunft in Puhoi, etwa 50 Kilometer nördlich von
Auckland, fanden sie allerdings statt der erhofften land-
wirtschaftlichen Nutzflächen dichten Urwald. Nur mithilfe
der Maori, der Ureinwohner Neuseelands, schafften es die
Neuankömmlinge, in der neuen Heimat zu überleben.
Für Sprachwissenschaftler ist die Entdeckung einer sol-
chen Sprachinsel ein Glücksfall: Hier können sie Dialekte
erforschen, die zum Teil in den Ursprungsländern bereits aus-
gestorben sind. Interessant ist aber auch, wie der Kontakt mit
einer anderen Sprache jene der Auswanderer beeinflusst hat.
Oft können Alfred Wildfeuer und seine Kollegin Ni-
cole Eller hybride Bildungen, also Mischformen, beobachten.
Das "Duschen" heißt bei den Neuseeländern "Showern", den
Pfirsichbaum nennen sie "Pieetschnbam". Als einer von
einem Geschäft erzählt, das ausgeraubt wurde, sagt er: "Da
hams den Laden gerobbt". Für das Auto, das es zum Zeitpunkt
der Auswanderung noch nicht gegeben hat, verwenden die
Neuseeländer den englischen Begriff "car". Beim Wort "tele-
fonieren" ist das anders: "I dou de otelegrafiern" heißt "Ich
werde dich anrufen".
Auch beim Satzbau fielen den Wissenschaftlern Unter-
schiede zur deutschen Variante auf. So gibt es die Satzklam-
mer, die im Deutschen häufig verwendet wird, in der Sprach-
insel nicht. Statt "Wir haben Bäume gehabt" sagen die neu-
seeländischen Bayern "Wir haben gehabt Bäume".
Schon seit 2005 sind die Sprachwissenschaftler der Uni-
versität Regensburg auf der Suche nach deutsch-böhmi-
schen Sprachinseln (etwaige Hinweise an Alfred.
Wildfeuer@spralit.uni-regensburg.de).
In der Ukraine, in Rumänien und in Nordamerika ent-
deckten sie zum Teil ganze Dörfer, in denen noch aktiv die
bairisch-böhmische Mundart gesprochen wird. Noch in die-
sem Jahr wollen sich die Regensburger auf die Reise
nach Brasilien machen. Dort sollen noch rund 1000 Spre-
cher eines nordbairischen Dialektes leben.
In Neuseeland hingegen wird es das Phänomen der
Sprachinsel nicht mehr lange geben. Der jüngste Sprecher
des Idioms ist 74 Jahre alt, die wenigen anderen sind alle
über 80 Jahre alt. Ihre Kinder verstehen den Dialekt zwar
zum Teil noch, sprechen ihn aber nicht mehr.