GEO 10/2008, S. 202
GEOSKOP: Was heißt hier schön?Unter Schönheit versteht fast jeder etwas anderes. Das zeigt sich auch in den Sprachen der Welt.Wussten Sie, dass der "Rote Platz" in Moskau genauso gut mit "Schöner Platz" übersetzt werden könnte? Denn in vielen slawischen Sprachen wird Schönheit mit dem Wort für die Farbe Rot ausgedrückt. Dabei bedeutete das russische "krasnyj" einst wohl "brennend" oder "glühend". Im altindischen Sanskrit hingegen deckt sich der Ausdruck für "schön" mit dem Wort für ein strahlendes Weiß ("dhavala"), während die Mandschuren das Adjektiv "fiyangga" in der Bedeutung "farbig, geschmückt" oder auch "gut aussehend" benutzen.
"Wer meint, es gäbe in allen Sprachen der Welt ein und dasselbe Konzept für Schönheit, liegt falsch", sagt der Linguist und Wissenschaftsautor Thilo Guschas. Für dieses GEOSKOP hat er die vielfältigen Nebenbedeutungen des Wortes "schön" in zahlreichen Kulturen zusammengestellt.
Das Ergebnis seiner Recherche: Neben den Farbbezeichnungen gibt es noch rund ein Dutzend weitere Kategorien, aus denen gängige Übersetzungsäquivalente für das Schöne stammen. Ein moralisches Ideal etwa verbindet sich mit dem keltischen Schönheitsbegriff "sgiamh", der Schamhaftigkeit und Liebenswürdigkeit einschließt. Auch die arabischen Adjektive "gamil" (anständig, anmutig) und "hasan" (vortrefflich, elegant) gehören in diese "Moral-Kategorie". Vollkommenheit schlechthin bezeichnet das altägyptische "nefer", das im Namen
Nofretete (die Schöne ist gekommen) enthalten ist.
Sauber und reinlich ("kirei na") ist die schöne Frau im Japanischen, während die Endung "-zuri" im afrikanischen Swahili auf ihren Liebreiz hinweist. Eine schöne Gestalt bezeichnet indessen das griechische "omorphos", wohingegen "helou" im ägyptisch-arabischen Dialekt sowohl "süß" als auch "schön" bedeutet. Aber anders als das deutsche Geschmackswort "süß", wird "helou" nicht nur auf junge, sondern auch auf reife Frauen angewendet. Ein "leckeres Mädchen" kennen die ägyptischen Arabischsprecher genauso wie die Kölner.
Das Baskische trifft einen besonderen Unterschied zwischen einer kurzfristigen, modischen Attraktivität ("polit") und einer beständigen Schönheit ("eder"); dafür kann das Englische zwischen gut aussehenden Männern und Frauen ("handsome" gegenüber "beautiful") unterscheiden.
Sehr abstrakte, umfassende Schönheitsbegriffe sind dagegen vergleichsweise selten. Ein Beispiel ist der Ausdruck "kakapisi lula" (zur Erkenntnis bewegend) von den Trobriand-Inseln vor Papua-Neuguinea. Er bezieht sich sowohl auf Frauen als auch auf Blumen und Skulpturen. Sehr differenziert wird Schönheit im Chinesischen betrachtet: "Xiuqi" bezeichnet Eleganz, "wumei" steht eher für erotische Anziehung. Extrem schön aber sind Dinge, die den Mond besiegen und die Blumen beschämen ("bi-yue-xia-hua").
Das deutsche "schön", das inzwischen eine sehr weitreichende Bedeutung besitzt, ist mit "schauen" verwandt, bezeichnete also ursprünglich wohl etwas Ansehnliches. Wer hingegen bei den südamerikanischen Aymara-Indianern als attraktiv gelten soll, muss unterhaltsam sein und Humor besitzen: Das Adjektiv "jiwaki" bedeutet "lustig".