An Andrew:
Das Tessin hat mehrere Aus- und Einwanderungswellen erlebt. In der Regel wanderten arme Menschen aus, begüterte dagegen ein. Die größte Zuwanderung setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Viele Leute, die während des ‚Deutschen Wirtschaftswunders‘ reich geworden waren, leisteten sich ein Feriendomizil im Süden. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorherigen Jahrhunderts war das Tessin (aber auch Italien) der Deutschen und Deutschschweizer liebstes Ferienziel.
Als ich dort wohnte, beachtete ich auf meinen ausgedehnten Spaziergängen die Nationalitätszeichen auf den parkierten Automobilen: D, DK, B, und NL waren die häufigsten ausländischen, ZH, BS und AG die häufigsten außerkantonalen. Da ich mich mit einem Vorurteil im Tessin niederließ (ich dachte nämlich, die Tessiner wären fröhliche, lebenslustige und sangesfreudige Menschen), war mein Befremden groß, als ich feststellte, daß sie viel ernster als von mir vermutet waren. Die Einheimischen grüßten mich nicht oder kaum hörbar. Man dämpfte die Stimme, wenn ich ein Restaurant betrat, zeigte auf der Straße mit dem Finger auf mich und versteckte die Töchter vor mir. Der Pfarrer, der Gemeindeschreiber, die Schwester Oberin (Carmelo Santa Teresa) und die Frau vom Lebensmittelgeschäft waren beinahe die einzigen Personen im Dorf, die sich mir gegenüber offenherzig zeigten.
Der Pfarrer (Dozent am Kollegium Papio in Ascona) trank manches Glas Merlot mit mir. Er sagte: „Jetzt, wo ich Deine Bücher sehe, sehe ich, daß du reich bist.“
Der Gemeindeschreiber verriet mir lachend, daß mich die Dorfbewohner für einen Millionär hielten, der demnächst das alte Pfarrhaus renovieren würde. Er kannte meine Steuerdeklaration und konnte sich wirklich kaum halten vor Lachen.
Die Schwester Oberin wollte mir gratis Italienisch beibringen, erkannte aber gleich, daß meine Interessen gar zu vielfältig waren, um mich einem speziellen Gebiet widmen zu können. Noch heute behaupte ich, daß sie in mich verliebt war. Hier setze ich, ihr zu Ehren und zu ihrem Gedenken, ein †.
Die sehr belesene Frau vom Lebensmittelgeschäft klärte mich über die Verhältnisse zwischen den Dorfbewohnern und über die ‚Verhältnisse‘ zwischen diesen und den fremden Zuzügern auf. Während der Russischen Revolution flohen viele reiche adlige Russen nach Paris, an die Côte d’Azur, oder eben: ins Tessin. International bekannt wurde Locarno durch die im Jahre 1925 geschlossenen Verträge. Wer damals Land verkaufte, hätte es gleich verschenken können, so gering war der Gewinn. Wer aber nach dem Zweiten Weltkrieg, als das ‚Deutsche Wirtschaftswunder‘ begann, eine Parzelle am Lago Maggiore feilbieten konnte, machte das Geschäft seines Lebens; und jene der Einheimischen, die während der Hochkonjunktur noch einen Rebhang mit Seeblick veräußern konnten, erzielten einen Preis, der sie zu reichen Leuten machte. So kam es dazu, daß die Einheimischen einander neid- und haßerfüllt begegneten. Fragte man nach einem Namen, dann hieß es gleich: „Ach, der! Dessen Vorfahren verkauften ihr Land dazumal, als …“ Hinzu kam, daß die ‚Auswärtigen‘ schier ohne Ausnahme den Einheimischen auswichen, ihre sündhaft teuren Villen auch nur selten bewohnten etc.
Darum beschloß ich, ohne mir große Italienischkenntnisse erworben zu haben, wieder nach Zürich zu ziehen, ein Stadtmensch zu werden und in der Anonymität zu versinken.
Andrew, erst jetzt, kurz bevor ich diese Zeilen abschicken will, merke ich, daß ich Dir Deine Frage kürzer hätte beantworten können: Ich kann kein Italienisch. Aber meine jüngste Tochter heißt nicht von ungefähr Flora.
Gruß von Fritz-Franz