Lieber Sprachfreund Gnomus!
Vielen Dank für Deine Zeilen. Ich schreibe Dir zu Deiner Aufmunterung, Erheiterung und Gesundung von meinen nimmermehr verheilenden Wunden. Der bruchstückhafte Monolog eines Kranken lautet wie folgt:
Seit bald zwei Jahren rede und schreibe ich von „zehn Jahren“ oder „einem Jahrzehnt“. Nun ist mir aufgefallen, daß mir die Zeit davoneilte, uneinholbar. Vor einem Dutzend Jahren war die Anzahl der Internetforen noch ziemlich überschaubar. Damals sandte ich Leserbriefe an Zeitungen, wenn ich der Meinung war, meine Meinung zu diesem oder jenem könnte von öffentlichem Interesse sein. Brav und ohne Argwohn nannte ich meinen wirklichen Namen, meine wahre Adresse und Telephonnummer. Denn, so dachte ich in meiner grenzenlosen Naivität, Aufklärung tut not. Diese Gesinnung aber brachte mich in große Nöte (im letzten Wörtchen hätte ich beinahe ein Dehnungs-h eingefügt). Da will einer die deutsche Sprache bewahren und beherrscht sie selber nicht, mußte ich mir sagen lassen. Oh wie schrecklich waren die Reaktionen auf die Äußerungen meiner Meinung! Einen geistig Hinterbliebenen nannte man mich, einen rückständigen fortschrittsfeindlichen alten Sack, einen Nationalsozialisten und Deutschtümler, Landesverräter (weil Schweizer) und Idioten. Als ich dann später
unter meinem Klarnamen (welche Unbekümmertheit war mir, demokratisch-humanistisch Gesinnten, damals zu eigen!) im Internet meine Meinung zur Rechtschreibreform kundtat (wohlgemerkt: unter Angabe meiner E-Mail-Adresse und postalischen Anschrift – denn ich dachte, Anonymität wäre bereits eine Form der Zensur, nämlich Selbstzensur), erreichten mich unzählige Schmähbriefe, so daß ich mich mehrmals dazu gezwungen sah, meine E-Mail-Adresse zu ändern. Den vorherigen Satz lese ich nicht nochmals, um mir die Mühsal der Korrektur zu ersparen. Stattdessen schreibe ich weiter im (Kon)text.
Auch viel Zuneigung und Zuspruch erfuhr ich in den letzen Jahren. Viele Brieffreundschaften entstanden zwischen mir und Menschen, die in Deutschland, Kanada, Japan und weiß wer wo noch sonst leben. Herzensgute Menschen würdigten mein Bestreben in der Sache, um welche es hier und heute noch in diesem Forum geht. Du weißt, lieber Gnomus, daß ich kein Schriftgelehrter bin, sondern bloß ein Liebhaber der deutschen Sprache und Schrift. Der Kampf gegen die vollkommen unnötige RSR hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Diesen Preis jedoch bezahlte ich gern, meinen Enkeln zuliebe, damit sie sich auch künftig schriftlich verständigen können und zudem in der Lage sind, Erkenntnis aus alten Schriften zu schöpfen.
Als Schwerverletzter hast Du jetzt die Zeit dazu, Nachforschungen anzustellen. Ich gebe Dir eine Richtung an und wünsche Dir gute Unterhaltung:
Typoforum. Die dort von mir unter meinem Klarnamen verfaßten Beiträge löschte ich samt und sonders. Typographen oder, wie sie sich auf Neudeutsch nennen: „Typodesigner“ melden sich dort zu Wort, ohne jegliche Ahnung.
Dort findest zuunterst eines meiner viel zu vielen Worte.
Um diesen Brief zu verlängern, verrate ich Dir noch etwas: Gestern wurde mir von einer Gönnerin ein sehr großer Geldbetrag auf mein Bankkonto überwiesen, damit ich mir eine Digitalcamera kaufen kann. Sie meinte, ich hätte das Zeitalter der Digitalphotographie vollkommen verschlafen.
In Erwartung Deiner Katzenbilder verbleibe ich als Dein Sprachfreund
Fritz-Franz